The Medieval Review 17.06.19


Barrett, James and David Orton, eds. Cod and Herring: The Archaeology and History of Medieval Sea Fishing. Oxford: Oxbow Books, 2016. pp. 272. ISBN: 978-1-78570-239-6 (hardback).



Reviewed by:


Carsten Jahnke
University of Copenhagen, The SAXO Institute
jahnke@hum.ku.dk

Wer an internationalen Handel und wirtschaftliche Zusammenhänge im Mittelalter denkt, wird Fisch kaum als erstes, interessantes Gut aufführen. Das gleiche gilt für Archäologen. Gräten sind mit Sicherheit nicht die allerersten, dem Archäologen ins Auge fallenden Gegenstände, zumal kleinere Gräten, wie die von Heringen, erst durch kleinmaschiges Sieben gefunden werden können. Und so ist es kein Wunder, dass Fisch vor allem in der Geschichtswissenschaft, aber auch teilweise in der Archäologie, seit den ersten Arbeiten in den 1870er Jahren ein eher belächeltes Nebenthema ist. Zu fischig scheint die Beschäftigung hiermit zu sein.

Doch zeigt gerade die Entwicklung der letzten Jahre, dass nicht nur Bewegung in die Geschichtswissenschaft gekommen ist, sondern dass vor allem die Zooarchäologie wichtige, neue Impulse liefert, die wiederum die Geschichtswissenschaft zum Umdenken und Überdenken älterer Standpunkte anregt. Vor diesem Hintergrund ist der vorliegende, von James Harold Barrett und David Clive Orton herausgegebene Band nicht nur eine längst überfällige Bestandsaufnahme, sondern vor allem auch der neueste, wenn nicht der allererste Versuch überhaupt, eine Gesamtübersicht über die Entwicklung des Fischkonsums -fanges und -handels in Nordeuropa im Mittelalter und früher Neuzeit auf naturwissenschaftlicher und historischer Basis zu schaffen.

Zu diesem Zweck haben die beiden Herausgeber, Barrett, Reader in Medieval Archaeology und Leverhulme Major Research Fellow an der Universität Cambridge, und Orton, Lecturer in Zooarchäologie an der Universität York, 19 Artikel namhafter Forscher aus Andorra, Belgien, Dänemark, Estland, Großbritannien (inklusive Nordirlands, den Orkneys und Schottland), Irland, Island, Norwegen und Polen zusammengetragen, die jeweils aus ihrer Perspektive die neuesten Ergebnisse präsentieren, die dann von James Barrett in einer bedeutenden und erweiternden Zusammenfassung zu einem Gesamtbild zusammengestellt werden.

Im ersten Teil des Bandes, Perspectives from History and Settlement Archaeology, werden die eher traditionellen Wege beschritten. Hier sind es vor allem Poul Holm, ein renommierter Historiker zur nordatlantischen Fischerei, der über die Fischerei im Ostseeraum von 1000 bis 1600 referiert, sowie Maryanne Kowaleski, eine der angesehendsten Kennerinnen der britischen Fischereigeschichte, die den Anfangsakkord setzen. Ihnen folgen die nicht minder renommierten Norweger Alf Ragnar Nielssen, Arnved Nedkvitne und Helge Sørheim, bevor der Abschnitt mit zwei Beiträgen zu Island von Orri Vésteinsson und Mark Gariner sowie einem zu Irland von Colin Breen fortgesetzt wird. Allen Beiträgen gemein ist ihr Fokus auf die Entwicklung des überregionalen Handels und vor allem die Frage, wann und warum ein solcher Handel in Gang gekommen ist. Einen entgegengesetzten Ansatz verfolgt dagegen der letzte Beitrag des ersten Abschnittes von Alison Locker, die der Frage nach dem Fisch- resp. Dorschkonsum im nach-mittelalterlichen und neuzeitlichen England und damit den sozioökonomischen Gründen für den Verzehr von Fisch nachgeht.

Während P. Holm, wenig erstaunlich, versucht, die Fangmengen für Hering und Dorsch im Ostseeraum darzustellen, geht M. Kowaleski auf die ersten historischen Hinweise für den Fischfang im mittelalterlichen Britannien ein, die sie in einer umfassenden Quellenübersicht zusammenstellt. Für die Norweger R. Nielssen, A. Nedkvitne und H. Sørheim steht dagegen die Frage im Vordergrund, ob es in Nordnorwegen resp. im südlicheren Borgundfjord vor 1100 einen überregionalen Stockfischhandel gegeben hat oder nicht. O. Vésteinsson kann dagegen zeigen, dass die Großfischerei und der Handel mit Fisch auf Island erst im 13. Jahrhundert aufgrund politischer Ursachen einsetzte und keine religiösen Hintergründe besaß. Diese Fischerei wurde dann im 15. Jahrhundert weiter ausgebaut, wie M. Gardiner zeigen kann, wobei auf Island der englische Handel eine besondere Bedeutung besaß. Irland dagegen besitzt seine ganz eigene Fischereigeschichte, die eng mit den auch politischen Entwicklungen in England verbunden ist, und die sich vor allem vom 11. bis zum 15. Jahrhundert entwickelte, wie C. Breen darstellt. In England und Großbritannien nahm dann auch der Fischverbrauch vor der Erfindung von Fish and Chips seit dem 16. Jahrhundert ab, und zwar nicht oder nur teilweise aus religiösen Gründen, sondern aus sozioökonomischen Gründen, wie A. Locker zeigen kann. Hierdurch revidiert sie wesentlich eines der Grunddogmen zur Entwicklung des Fischverbrauches in Europa, nämlich des Rückganges des Fischverbrauches durch die Aufgabe katholischer Fastentage nach der Reformation.

Im zweiten Teil des Bandes, Perspectives from from Zooarchaeology and Stable Isotope Analysis, schlägt die Stunde der "neuen" Naturwissenschaften. Der Reigen wird von Lembi Lõugas eröffnet, der die Fischerei und den Fischhandel im Ostseeraum zwischen Wikingerzeit und Mittelalter untersucht. Hierauf folgen Untersuchungen zum Vorkommen von Dorsch und Hering in den archäologischen Funden in Polen, von Daniel Mackowieki, David Orton und James Barret, und in Dänemark, von Inge Bødker Enghoff, gefolgt von einer Untersuchung über den Konsum von Meeresfisch in Belgien durch Wim van Neer und Anton Ervynck. Die nächsten drei Beiträge richten ihren Fokus auf England: Jennifer Harland, Andrew Jones, David Orton und James Barrett untersuchen die Fischerei und den Fischhandel im mittelalterlichen York, David Orton, Alison Locker, James Morris und James Barrett die Fischversorgung Londons sowie Rebecca Reynolds die sozio-ökonomischen Gegebenheiten des frühen Fischkonsums in Südost England. Hierauf folgen zwei Untersuchungen über die zooarchäologischen Analysen zum Fischhandel in Norwegen von Anne Hufthammer sowie für Irland von Sheila Hamilton-Dyer. Abgeschlossen wird dieser Abschnitt durch Gundula Mildner, die versucht, den Konsum von Meeresfisch durch Isoptopanalysen an menschlichen Skeletten im mittelalterlichen Britannien nachzuweisen.

Gerade die zooarchäologischen Untersuchungen liefern neue Daten zu den einzelnen, untersuchten Regionen. Diese Daten eröffnen ein neues und umfassendes Bild, nicht nur über den Fischkonsum, sondern auch über die Verteilung von regional gefangenem und importiertem Fisch. Diese Forschungen, so wichtig und umfassend sie auch sind, folgen in verfeinerter und erneuerter Form den traditionellen Wegen der Zooarchäologie. Mehr oder weniger Neuland betritt dagegen Gundula Mildner, die erstmals für eine größere Region die Anfänge und die Ausbreitung des Seefischkonsumes durch Isotopanalyse an menschlichen Skeletten nachweisen kann. Hierdurch werden der historischen Forschung ganz neue Möglichkeiten eröffnet, auch, wenn dieses Verfahren sicherlich im Laufe der Jahre noch verfeinert werden muß.

Abschließend faßt James Barrett die Ergebnisse des vorliegenden Bandes in seinem Kapitel Medieval Sea Fishung, AD 500-1500: Chronology, Causes and Consequences, zusammen, wobei er es nicht bei einer Aufzählung der einzelnen Ergebnisse beläßt, sondern unter Hinzuziehung weiterer Forschungen eine gelungene und umfassende Synthese bilden kann. Barrett--und damit auch die Verfasser des vorliegenden Bandes--können dabei verschiedene, wichtige Ergebnisse präsentieren. Zum ersten kann gezeigt werden, dass mit Ausnahme Skandinaviens die wikingerzeitlichen Gesellschaften im Westen wie im Osten Seefisch resp. die Seefischerei gemieden haben, wobei die Gründe letztendlich im Dunklen liegen. Die Fischerei von Seefisch entwickelte sich zweitens erst langsam im sogenannten langen achten Jahrhundert, wobei vor allem der Fang von Hering für Eliten und kirchliche Einrichtungen nachzuweisen ist. Erst um die Jahrtausendwende herum kam es drittens im gesamten Untersuchungszeitraum zu einem umfassenden Konsum von Seefisch. Die Herausgeber nennen dieses aufgrund der rapide wachsenden Fundmenge den "fish event horizon." In dieser Zeit begann auch der Fischkonsum in Regionen mit größerer Entfernung von den Küsten, wobei auch hier Hering als Vorreiter fungierte. Zur gleichen Zeit können im schriftlichen Material auch die ersten kommerziellen Seefischereien nachgewiesen werden, die dann z.B. im Domesday Book erscheinen. Auch hier scheint die Heringsfischerei eine führende Rolle eingenommen zu haben. Dorsch wurde zwar auch gefangen, doch wohl nur regional. Ein Import aus den Bereichen des Nordatlantiks zu diesem Zeitpunkt konnte durch Isotopanalysen für die meisten Regionen nicht nachgewiesen werden. Allerdings scheint Skandinavien hier eine Ausnahme gewesen zu sein, wo norwegischer Stockfisch wohl bereits im 8. Jahrhundert in Haithabu nachgewiesen werden kann. Erst nach 1050, so das vierte Ergebnis, wuchs der Nordeuropäische Markt für konservierten Fisch, sei es Hering sei es Stockfisch, zusammen. Nach dieser Zeit konkurrierten heimische Fänge mit importiertem Fisch, wobei die Rolle der regionalen Fischereien nach den neuesten Erkenntnissen nicht zu unterschätzen ist. Nicht jeder im archäologischen Fundgut entdeckte Hering oder Dorsch kam wirklich von den Fangzentren in Schonen oder Norwegen/Island, sondern viele können nun durch Isotopanalyse den "heimischen" Gewässern zugewiesen werden. Die historischen Veränderungen im Fischhandel des 14. bis zum 16. Jahrhundert sind dagegen historisch weitaus besser belegt. Diese Ergebnisse können nun fünftens durch archäologische und andere Ergebnisse weiter gestützt, untermauert und verfeinert werden.

Diese Resultate faßt Barrett dann noch in weiteren sechs Thesen zusammen. Zum ersten sieht er das Aufkommen der Seefischerei als Ergebnis der Urbanisierung in Nordeuropa. Zweitens relativiert der die Rolle der christlichen Fastenregeln für die Schaffung eines künstlichen Marktes für Fisch. Für Barrett sowie die in diesem Band vertretenen Archäologen erscheint der Fischkonsum mehr als ein Elitenphänomen, denn als eine aufoktroyierte Notwendigkeit. Zum dritten weist er noch einmal auf den deutlichen Zeitschnitt um die Jahrtausendwende hin bevor er viertens auf die noch nicht ganz geklärten Beziehungen zwischen Süß- und Salzwasserfisch und dessen Konsum eingeht. U.U. kann die verstärkte Meeresfischerei als ein Resultat einer Ressourcenverknappung in der Süßwasserfischerei gesehen werden. Als fünften Punkt weist Barrett--zurecht--darauf hin, dass die vorhandenen Quellen keine Berechnungen des menschlichen Einwirkens auf die marinen Ökosysteme erlauben bevor er abschließend und sechstens noch einmal die Geschichte des überregionalen Fischhandels beschreibt, der seine Anfänge im langen achten Jahrhundert nahm und dann nach der Jahrtausendwende seine spätere Ausprägung erfuhr.

Mit diesen sechs Thesen sowie fünf historischen Zeitlinien lassen sich die Resultate des vorliegenden Bandes wirklich hervorragend zusammenfassen. Die Herausgeber schaffen es dabei in herausragender Weise, die durchaus dispersen Ergebnisse nicht nur zu synchronisieren, sondern auch für die weitere Forschung nutzbar zu machen. Der Band leistet damit einen wirklich wichtigen und weit über den Bereich des Fischfanges und -handels hinausgehenden Beitrag zur nordeuropäischen Wirtschaftsgeschichte überhaupt. Es ist dabei vor allem das Zusammenspiel zwischen Archäologie, Geschichtswissenschaft und neusten naturwissenschaftlichen Trends die diesen Band auszeichnen. Hier werden neue Wege eröffnet, die π mehr als vielversprechend zu bezeichnen sind. Zwar kann man über die eine oder andere These sicherlich trefflich streiten, so z.B über den Zusammenhang von Fischkonsum und Urbanisierung in Skandinavien oder die Berechnung der gefangenen Biomasse in den Heringsfischereien des Ostseeraumes, doch sind das Kleinigkeiten, die vor den äußerst überzeugenden Gesamtergebnissen kaum ins Gewicht fallen.

Stattdessen gilt es nun, diese Ergebnisse mit weiteren Bereichen Europas abzugleichen, wurde Seefisch doch spätestens seit der Jahrtausendwende in die Schweiz exportiert, stapelte sich der gesalzene Hering in niederösterreichischen Klöstern und waren konservierter Hering und Stockfisch spätestens im 14. Jahrhundert normale Verbrauchsgüter in Oberitalien. Vor dieser Kulisse müssen sich die Thesen dieses Bandes nun bewahrheiten oder relativiert werden--eine spannende Aufgabe für die Zukunft.

Mit dem Band Cod and Herring wurde Fisch endgültig als wichtiges Handels- und Wirtschaftsgut in der Archäologie sowie Wirtschaftsgeschichte etabliert, läßt sich doch der Konsum dieser Ware nun am direkten Objekt, dem Menschen, nachweisen. Hierdurch erhält diese leicht belächelte Ware plötzlich einen ganz neuen Stellenwert in der europäischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, einen Stellenwert, der dieses Produkt so ganz und gar nicht mehr fischig erscheinen läßt.



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