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                <journal-title>The Medieval Review</journal-title>
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                <publisher-name>Indiana University</publisher-name>
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            <article-id pub-id-type="publisher-id">23.03.19</article-id>
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                <article-title>23.03.19, Patzuk-Russell, The Development of Education in Medieval Iceland</article-title>
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                        <surname>Kathrin Chlench-Priber</surname>
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                    <aff>University of Bonn</aff>
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                        <email>kchlenchpriber@uni-bonn.de</email>
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                <year>2023</year>
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                        <surname>Patzuk-Russell, Ryder</surname>
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                <source>The Development of Education in Medieval Iceland</source>
                <series>The Northern Medieval World: On the Margins of Europe</series>
                <year iso-8601-date="2021">2021</year>
                <publisher-loc>Boston, MA</publisher-loc>
                <publisher-name>De Gruyter/Medieval Institute Publications</publisher-name>
                <page-range>Pp. xi, 315</page-range>
                <price>€99.95 (hardback)</price>
                <isbn>978-1-5015-1855-3 (hardback)</isbn>
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                <copyright-statement>Copyright 2023 Trustees of Indiana University. Indiana University provides the information contained in this file for non-commercial, personal, or research use only. All other use, including but not limited to commercial or scholarly reproductions, redistribution, publication or transmission, whether by electronic means or otherwise, without prior written permission of the copyright holder is strictly prohibited.</copyright-statement>
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    <body>
        <p>In seiner Monographie untersucht Ryder Patzuk-Russell den Zeitraum von ca. 870, der
            Besiedlung Islands durch Skandinavier, bis zur Reformation 1550 mit dem Ziel einer
            holistischen Betrachtung der Entwicklung des Bildungssystems unter sozialen,
            wirtschaftlichen, intellektuellen und literarischen Aspekten. Dabei geht er von einer
            relativen Sonderstellung der isländischen Verhältnisse im Vergleich zu anderen
            europäischen Regionen aus. Insbesondere nennt er drei Schlüsselkonzepte, die maßgeblich
            seien, um die isländische Bildung in der mittelalterlichen Welt kontextualisieren zu
            können: Klosterschulen, bischöfliche oder Kathedralschulen und die <italic>septem artes
                liberales</italic>, allen voran die Grammatik (8). </p>
       
        <p>Zweifelsohne wurde in der Forschung lange schon das einzigartige Korpus an
            volkssprachigen Gattungen auch im Bereich der Wissensliteratur gesehen und als Beleg für
            eine isländische Sonderstellung ins Feld geführt. Innovativ an der vorliegenden Arbeit
            ist jedoch, dass Patzuk-Russell die Rolle des Lateinischen im Zusammenspiel mit der
            Volkssprache in den Blick nimmt, um Spezifika des Bildungswesens im Vergleich zu anderen
            Regionen herauszuarbeiten. </p>
        
        <p>Patzuk-Russell geht von der These aus, dass die Schriftlichkeit auf Island zunächst ans
            Lateinische gebunden war und diese Sprache durch das gesamte Mittelalter hindurch für
            die Priesterausbildung, aber auch als Liturgie- und Gelehrtensprache von hohem Prestige
            trotz der rasch etablierten Volkssprache weiterhin eine erhebliche Rolle in
            Bildungsbelangen spielte. Mit dieser Position grenzt er sich markant von der
            älteren--und in weiten Teilen überholten--Forschung ab, die dem Lateinischen mit seinen
            auf Island zumeist fragmentarisch überlieferten oder erschließbaren Texten nur einen
            marginalen Einfluss beimaß.</p>
        
        <p>Das erste Kapitel widmet sich der Epoche von ca. 870 bis 1050, in der das christliche
            Schul- oder Bildungssystem und der damit verbundene Einzug der Buchkultur auf Island
            noch nicht stattgefunden hatte. Als Quellen werden je nach Themengebiet spezifische
            Texte, wie z. B. die <italic>Grágás</italic> für den Bereich des Rechts, herangezogen
            sowie <italic>Íslendinga sögur</italic>, die ihrerseits zwar nach einer langen
            mündlichen Weitergabe erst ab dem 13. Jahrhundert verschriftlicht wurden, aber
            Beschreibungen weltlichen Wissens und seiner Bedeutung in der untersuchten
            vorchristlichen Epoche beinhalten. Als in dieser Zeit bedeutsame Bereiche der Bildung
            werden Recht, Magie, Runenkunde, Dichtung, Handarbeit und Geschichte identifiziert, mit
            denen ein hohes soziales Prestige verbunden war. Verlässliche Informationen darüber, wie
            dieses Wissen vermittelt wurde, lässt sich aus den ausgewerteten Quellen jedoch nicht
            entnehmen. Geradezu bemüht sind dann auch beispielsweise die Argumentationen, die eine
            Beschäftigung mit Runen auf Island nach der Christianisierung außerhalb von
            Gelehrtenkreisen und damit eine Vermittlung der Runenschrift nicht ausschließen wollen
            und eine ähnliche Situation wie in Norwegen unterstellen, wo Runenfunde des 14.
            Jahrhunderts belegen, dass diese geritzte Schrift lange in weltlichen Kontexten in
            Gebrauch war (41). Die Problematik um den Aussagewert der von ihm ausgewerteten Quellen
            ist dem Verfasser bewusst und deswegen weist er die Untersuchungsergebnisse des ersten
            Kapitels auch lediglich als Rekonstruktion auf der Basis später Texte aus (65). Dennoch
            erscheint mir die Argumentation des Verfassers insgesamt überzeugend, diesen Teil der
            isländischen Bildungsgeschichte nicht einfach auszuklammern und zumindest den Versuch zu
            unternehmen, auch spätere Texte auf mögliche Informationen zu diesem Zeitraum zu
            befragen, in dem Bildung mutmaßlich überwiegend in einem familiären Umfeld durch
            mündliche Weitergabe erfolgte und insbesondere das Modell der Pflegeelternschaft häufig
            praktiziert wurde.</p>
       
        <p>Im sich der anschließenden Epoche widmenden Kapitel 2 untersucht der Verfasser das
            klerikale Schulwesen, genauer die sich im 11. Jahrhundert etablierenden Kathedral- und
            ab dem 12. Jahrhundert entstehenden Klosterschulen. Für das weltliche Bildungswesen im
            familiären Umfeld, wie es in Kapitel 1 beschrieben wurde, nimmt er an, dass es weiter
            bestanden haben müsse, auch wenn es mit weniger Prestige versehen gewesen sein wird. Als
            Hauptquellen werden die <italic>Biskupa sögur</italic> ausgewertet, daneben--und das ist
            überaus begrüßenswert--auch Zeugnisse des Verwaltungsschrifttums und des Rechts.</p>
        
        <p>Hervorgehoben wird die außerordentliche Flexibilität des isländischen Bildungssystems,
            das aufgrund der dünnen Besiedlungsstruktur ohne größere städtische Zentren durch
            Dezentralität gekennzeichnet ist. Bildung war weniger an feste Institutionen oder
            konkrete Orte im Sinne von <italic>skóli</italic> gebunden als an Personen, die für die
            Wissensvermittlung zuständig waren, wie z. B. Priester oder auch Eltern und
            Pflegeeltern. Insbesondere die sozialen Verflechtungen, die durch das
            Erziehungspersonal, das Prestige, den Wert und die Qualität des erworbenen Wissens
            erzielt werden, finden in der Untersuchung Patzuk-Russells Berücksichtigung.</p>
        
        <p>Innerhalb des isländischen Bildungswesens insgesamt wird der außerordentliche Stellenwert
            der Kathedralschulen Hóla und Skálholt hervorgehoben, für die schließlich das Amt eines
            Schulmeisters und Chorleiters eingerichtet wurde und die über deutlich mehr Ressourcen
            und Personal verfügten als nicht institutionalisierte Höfe wie Oddi und Haukadalr.
            Letztgenannte sind die wohl berühmtesten Repräsentanten und Fortsetzer des angenommenen
            vorkirchlichen Bildungswesens, das weiterhin überwiegend praktiziert worden sein
            dürfte.</p>
        
        <p>Über die Geschichte der Klosterschulen halten die mittelalterlichen Quellen nur wenig
            Informationen bereit, wie Patzuk-Russell herausstellt, und dementsprechend formuliert er
            seine Darstellung an den Stellen hypothetisch, wo diese zwar wahrscheinlich, aber nicht
            zwingend ist. Dieser wohl reflektierte Umgang mit den ausgewerteten Quellen, deren
            Aussagewert immer wieder erörtert wird, zeichnet die Arbeit in besonderer Weise aus.</p>
        
        <p>Dennoch ist es stellenweise sehr unbefriedigend, Fragen aufzuwerfen, wie die nach der
            Motivation der Isländer sich auf Reisen zu begeben, dann aber zuzugeben, dass sie nicht
            beantwortbar seien. Gerade in diesem Fall wäre es vermutlich auch für gelehrte Reisende
            anderer europäischer Länder nicht entscheidbar, ob sie ihr Land ausschließlich aus
            Bildungszwecken oder auch aus religiöser Motivation verlassen haben, und so scheint es
            nicht besonders glücklich, diese doch weniger wichtige Frage so prominent ins Zentrum zu
            stellen (130). Wichtiger erschiene mir in diesem Zusammenhang die Feststellung, dass
            sich die isländische Praxis nicht von einem gesamteuropäischen Usus unterscheidet und
            Island trotz seiner Randlage in Europa gerade keinen Sonderstatus besitzt, was
            Gelehrtenreisen betrifft.</p>
        
        <p>Im dritten Kapitel wird die Schlüsselrolle der Liturgie herausgearbeitet, der eine
            entscheidende Bedeutung für den Gebrauch des Lateinischen im isländischen Bildungswesen
            zukommt. Genauestens werden Bücherverzeichnisse aber auch literarische Passagen über das
            Zelebrieren der Heiligen Messe und der damit verbundenen Anforderungen für Priester
            ausgewertet. Durch diese wird offenkundig, dass das Lateinische durchgängig eine
            bedeutsame Rolle innehatte. Auch wenn im Vergleich zur Masse volkssprachiger
            Handschriften nur wenige lateinische auf uns gekommen sind, hat es, wie sorgsam
            ausgewertete Bücherlisten belegen (152-53 und 178-82), zahlreiche lateinische
            Handschriften gegeben, die als Standardwerke des mittelalterlichen Bildungskanon gelten
            dürfen. Auch auf Island wurde also Latein nicht allein passivisch gebraucht, um etwa die
            Messe vorlesen zu können, sondern war wie im übrigen Europa eine aktive Sprache der
            mittelalterlichen Gelehrtenkultur und der religiösen Praxis in Wort und Schrift. </p>
       
        <p>Überzeugend kann Patzuk-Russell durch seine Quellenanalysen nachweisen, dass das
            isländische Bildungsprogramm nicht durch ein fest vorgegebenes abstraktes System, wie
            das der <italic>artes liberales</italic>, bestimmt war, sondern durch Erfordernisse,
            praktische Basiskompetenzen zu erlangen, mit denen durchaus ein soziales Prestige
            verbunden war. Für den Klerus nennt er Lesen, Schreiben, Singen und die Fähigkeit, den
            Computus lesen zu können (190). Insbesondere weist er in diesem Rahmen auf die Bedeutung
            der lateinischen Sprache, speziell der Grammatik, für die Didaktik des Lesenlernens hin
            (167-69). Auch wenn das Lateinische für Laien sicherlich weniger Relevanz als für den
            Klerus hatte, beide aber in Teilen gemeinsam unterrichtet wurden, seien Lateinkenntnisse
            keineswegs auf die letztgenannte Gruppe beschränkt gewesen (169). </p>
        
        <p>Als Schlüsseldisziplin sieht Patzuk-Russell die Grammatik an, die den Weg für eine
            volkssprachige Unterrichts- und Literartursprache ebnet. Vergleichend betrachtet er das
            Altenglische, Althochdeutsche und Altnordische und wie sie nach dem Vorbild des
            Lateinischen Texte des Bildungswesens geschaffen haben. Während der Blick nach England,
            das nachweislich Einfluss auf das isländische Bildungswesen hatte, gewinnbringend ist,
            bleibt der Vergleich mit althochdeutschen Texten Notkers von St. Gallen und Otfrids von
            Weißenburg äußerst oberflächlich und kann nicht überzeugen (191-93).</p>
       
        <p>Das 4. Kapitel konzentriert sich dann auf die isländische volkssprachige Grammatik und
            unterzieht die Grammatischen Traktate einer eingehenden Untersuchung--auch um das
            Zusammenspiel und die Verflechtungen von Volkssprache und Latein im Bildungswesen zu
            erörtern.</p>
        
        <p>Alles in allem hat Patzuk-Russell eine solide Studie vorgelegt, die ein breites
            Quellenkorpus sorgsam auswertet--allerdings bleiben die altnordischen Texte zur
            Kartographie und Kosmographie unberücksichtigt. Diese sind unbestritten dem Bereich des
            Bildungswissens zuzuordnen und zeigen eine breite Überlieferung in Latein und
            Volkssprache. Zumindest ein Hinweis darauf, dass es diese Texte wie auch weitere aus dem
            Feld des Quadriviums gibt, hätte erfolgen müssen. Dementsprechend weniger gut belegt
            erscheint die Behauptung, dass das System der <italic>artes liberales</italic> kaum
            Einfluss auf das isländische Bildungswesen gehabt habe. Hier wäre es sinnvoll gewesen,
            danach zu fragen, wie die <italic>artes</italic> in den nachgewiesenen lateinischen
            Handschriften repräsentiert sind, und zudem Studien über die Schriftlichkeit der
                <italic>artes</italic> in anderen Teilen Europas hinzuzuziehen. Einen herausragenden
            Gewinn sehe ich jedoch in Kapitel 3, in dem die Bedeutung des Lateinischen auf Island in
            all seinen Facetten hervorgehoben und belegt wird. Ebenfalls ertragreich ist die
            eingehende Auseinandersetzung mit den Grammatischen Traktaten und ein an
            verschiedentlichen Stellen geworfener vergleichender Blick auf Bildungssysteme anderer
            Regionen. Jedoch fehlt in dieser Hinsicht ein abschließendes Resümee, das festhält,
            durch welche Spezifika sich Island von jenen anderen Regionen unterscheidet, aber vor
            allem, wo die in großen Teilen überwiegenden Gemeinsamkeiten liegen. Diese kritischen
            Bemerkungen wollen den Wert der Monographie, die die Rolle von Latein und Volkssprache
            im Bildungswesen Islands auf Basis genauer textlicher Untersuchungen umsichtig erörtert,
            jedoch nicht schmälern.</p>
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