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                <journal-title>The Medieval Review</journal-title>
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                <publisher-name>Indiana University</publisher-name>
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            <article-id pub-id-type="publisher-id">21.12.28</article-id>
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                <article-title>21.12.28, Gilhaus/Kirsch, Der mittellateinische Alexanderroman</article-title>
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                        <surname>Mathias Herweg</surname>
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                    <aff>Institut für Germanistik, Karlsruher Institut für Technologie (Universitätsbereich)</aff>
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            <pub-date publication-format="epub" date-type="pub" iso-8601-date="2022">
                <year>2021</year>
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                <source>Der mittellateinische Alexanderroman: Historia de preliis Alexandri Magni. Geschichte der Kämpfe Alexanders des Großen</source>
                <series>Mittelateinische Bibliothek</series>
                <year iso-8601-date="2020">2020</year>
                <publisher-loc>Stuttgart, Germany</publisher-loc>
                <publisher-name>Anton Hiersemann Verlag</publisher-name>
                <page-range>Pp. xii, 248</page-range>
                <price>€49.00 (hardback)</price>
                <isbn>978-377-7220-413 (hardback)</isbn>
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                <copyright-statement>Copyright 2021 Trustees of Indiana University. Indiana University provides the information contained in this file for non-commercial, personal, or research use only. All other use, including but not limited to commercial or scholarly reproductions, redistribution, publication or transmission, whether by electronic means or otherwise, without prior written permission of the copyright holder is strictly prohibited.</copyright-statement>
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        <p>Die Ausgabe macht einen echten Klassiker der mittelalterlichen Literatur (sofern man die
            schiere Überlieferung und Wirkung zum Maßstab nimmt) in ansprechend gestalteter,
            lesefreundlicher Form zweisprachig neu zugänglich: die ‚Nativitas et Victoria Alexandri
            Magni Regis‘ des Archipresbyters Leo von Neapel, die im 10. Jahrhundert entstand. Sie
            ist in drei Fassungen des 11. (I1) und 12. (I2/I3) Jahrhunderts überliefert, erhalten in
            jeweils zwischen 13 und über 30 Hss., I3 außerdem in Frühdrucken unter dem später
            üblichen Titel ‚Historia de preliis Alexandri Magni.‘ </p>
        <p>Der hellenistische Alexanderroman, den Leo lateinisch bearbeitete, war in der langen Ära
            zwischen Spätantike und Früher Neuzeit eine Art Weltbestseller in dem, was der Epoche
            die Welt war. Erst moderne Wahrnehmungsweise vermochte ihn nicht mehr zu würdigen, weil
            sie weder ein Werk der Geschichtsschreibung noch eine Spielart des antiken Romans in ihm
            sehen mochte. Rund 200 Fassungen verbreiteten sich über die Grenzen der
            griechisch-lateinischen Welt hinaus von Island bis Ostasien. Leos lateinische Version
            wurde zur Hauptvermittlerin des griechischen ‚Originals‘ (auch ihm liegen mannigfache
            Quellen zugrunde) ins lateinische Europa. Im Hoch- und im Spätmittelalter diente sie
            neben anderen lateinischen Alexandergeschichten als wichtigster Ausgangspunkt etwa auch
            für die deutschsprachige Stoffkonjunktur, die produktiv bis ins 15., rezeptiv noch
            darüber hinaus bis ins 17. Jh. hineinreicht. So wurde etwa der ‚Alexander‘ Johannes
            Hartliebs (um 1450), eines vielseitigen Autors und studierten Arztes, zu einem frühen
            ‚Bestseller‘ des Buchdrucks. </p>
        <p>Ein so unzweifelhaft grund-legendes Werk wie das Leos durch eine zeitgemäße,
            zweisprachige Ausgabe einem weiteren Lesepublikum zugänglich zu machen, trägt seine
            Rechtfertigung im Grunde in sich selbst und ist rückhaltlos zu begrüßen. Den Rahmen
            bildet die noch junge Reihe der „Mittellateinischen Bibliothek,“ die sich zum Ziel
            setzt, „Werke der vielgestaltigen Tradition europäischer Literatur in lateinischer
            Sprache aus der über zehn Jahrhunderte umfassenden Epoche eines langen Mittelalters mit
            Wurzeln in der Spätantike und Fortwirken in der frühen Neuzeit“ in Studienausgaben
            zugänglich zu machen. [1] Ausschlaggebend für die Reihenpassung ist neben der epochalen
            longue-durée auch die transkulturelle Strahlkraft des betreffenden Werks, und beides
            erfüllt Leos ‚Alexanderroman‘ fraglos und in vieler Hinsicht. Die Reihe ist
            grundsätzlich zweisprachig angelegt und zielt ausdrücklich nicht auf Neuausgaben,
            sondern auf die paratextuell erweiterte und erleichterte Darbietung von schon Ediertem:
            „Neben einem zuverlässigen lateinischen Text nach neueren Editionen“ gehören
            „Neuübersetzung sowie Verständnis- und Interpretationshilfen in ausführlichen
            Stellenkommentaren, Wort- und Sacherklärungen und Einführungen zu Autor und Werk“ (ebd.)
            zum Profil der Reihe. An diesen Kriterien darf man auch die aktuelle Ausgabe messen--was
            im Umkehrschluss heißt, dass die philologische Qualität des ‚nach neueren Editionen‘
            übernommenen und wiederabgedruckten Textes hier nicht im Fokus stehen muss, weil dieser
            selbst bereits bei seinem ersten Erscheinen kritische Würdigung erfuhr; und im konkreten
            Fall ist diese Einschränkung auch für die Übersetzung zu machen, denn auch sie ist lange
            etabliert und lediglich leicht modifiziert adaptiert (vgl. im Fortgang).</p>
        <p>Das gelungene Reihenlayout, der synoptische lateinisch-deutsche Textblock, die eingängige
            Übersetzung machen die Studienausgabe unmittelbar attraktiv. Für den <italic>edierten
                lateinischen Text</italic> (jeweils die linke/gerade Seite) greift sie auf drei
            separate ‚Alteditionen‘ zurück: die Ausgaben der drei Leo- (resp. ‚Historia de
            preliis‘-) Rezensionen von Alfons Hilka und Karl Steffens (vgl. Einl. S. XII). [2] Auch
            die Übersetzung hat einen ‚Paten,‘ nämlich Wolfgang Kirsch, dessen einsprachig deutsche
            Ausgabe erst unter sperrigem lateinischen Titel, dann unter der marktgerechteren, doch
            wenig aussagekräftigen Formel ‚Historie von Alexander dem Großen‘ 1975 bei Reclam in
            Leipzig erschien und binnen weniger Jahre mehrere Neuauflagen
            erlebte--bemerkenswerterweise im Belletristik-Segment des Verlags. [3] Der Neuhg. folgt
            Kirsch in dem Leitziel, keine kritische Edition einer der mit I1, I2 und I3 bezeichneten
            Fassungen in resp. mit deutscher Übersetzung vorzulegen, sondern alle Zusätze und
            Varianten integriert in den Grundtext darzubieten. Ein solcher ‚Komposittext‘ ist
            philologisch nicht unanfechtbar, denn er wird durch keine historisch überlieferte
            Realität (etwa in Form einer stemmatologisch begründeten Leithandschrift einer der
            Fassungen) authentifiziert. Vielmehr konstituiert er eine Art Summa Leos und seiner
            Derivate. Da auch kein textbegleitend kritischer Apparat die Überlieferungsbasis
            erschließt, bleibt allein der Text selbst, um das zur Abgrenzung des in der
            Überlieferung Getrennten unbedingt Nötige zu markieren. Wie bei Kirsch werden dabei alle
            Passagen (Satzteile, Sätze, Absätze), in denen der edierte und übersetzte Text über den
            ‚Grundtext‘ Leos hinausgeht oder von ihm abweicht, durch geschweifte Klammern mit
            hochgestellter, die Fassung markierender Ziffer gekennzeichnet (nach dem Schema:
            „Grundtext {2<italic> Zusatz I2</italic> 2}“; bei Kirsch gab es überdies auch Fußnoten).
            Nicht umklammert ist nur der Grundtext, der der Erstfassung I1 folgt. Das System ist
            zuweilen verwirrend, doch sind die Einschübe nur selten so kleinteilig, dass
            unübersichtliche Mosaiksätze entstehen (vgl. z.B. 116f.). [4] Häufiger sind satz- und
            abschnittsweise Umklammerungen, die Zusätze und Varianten einschließen. Von Kirsch (und
            noch vor ihm Oswald Zingerle [5]) ist auch die lesefreundlich-kleinteilige
            Kapitelzählung und -gliederung übernommen.</p>
        <p>Die <italic>Übersetzung</italic> (ungerade/rechte Seite) ist durchweg eingängig und klar.
            Sie folgt Kirsch eng, oft über längere Strecken auch wörtlich, modernisiert aber
            mitunter Syntax und Vokabular (z.B. ‚Frauen und Kinder‘ statt ‚Weiber und Kinder,‘
            ‚entlegene Stellen‘ statt ‚Einöden,‘ lat.<italic>abditis</italic>, 138f.). Kirschs
            Version zeigte mitunter mehr poetische Ambitionen, [6] doch aufs Ganze gesehen liegen
            die Unterschiede in Details, so dass der Hauptvorzug der Neuausgabe darin liegt, dass
            sie Kirschs Übersetzung durch den synoptischen Abdruck an jeder Stelle kontrollierbar
            und gegebenenfalls korrigierbar macht.</p>
        <p>Im hier hauptsächlich zu würdigenden Neuen der Neuausgabe zeigt der Vergleich mit Kirschs
            Leipziger Reclam-Bändchen freilich auch, was dieser--ungeachtet des schon für sich
            hinreichend rechtfertigenden Vorzugs der Zweisprachigkeit--fehlt, nämlich die in
            durchaus willkommener Weise kommentierenden und erschließenden Beigaben zum Text, die
            modernen Nutzerinnen und Nutzern, die nicht durchweg vom Fach sind (dann nämlich
            bräuchten sie auch die Übersetzung nicht), den Zugang erleichtern. In Kirschs
            ‚belletristischer‘ Leseausgabe waren diese Beigaben auch ohne ‚fachdidaktisches‘ Kalkül
            recht ausgiebig und selbstverständlich, in der zweisprachigen Studienausgabe trotz des
            durchaus auch fachdidaktischen Skopos der Reihe sind sie es offenbar nicht. Denn wo
            Kirsch einen Stellenkommentar auf 36 Seiten (Oktavformat), ein stoff- und
            kulturhistorisch breit angelegtes Nachwort auf 20 Seiten (der breiten Leserschaft wegen
            ohne Literaturangaben, aber sichtlich forschungsbasiert) und abschließend ein 5-seitiges
            Inhaltsregest offeriert, bleibt die Neuausgabe über Gebühr sparsam. Ihr paratextueller
            Rahmen beschränkt sich auf je 12 Seiten Einleitung und Sachanmerkungen. Die Absenz eines
            textkritischen Kommentars wurde schon erwähnt, sie ist durch den sekundären Charakter
            des edierten Textes erklärbar (der Nutzer sieht sich implizit auf Hilka, Steffens und
            Zingerle verwiesen). Entschieden <italic>zu</italic> knapp ist aber das im engeren Sinn
            texterschließende Rüstzeug, zumal man ja wünschen möchte, dass dieses Buch möglichst
            viele Interessierte und Studierende auch in jenen Disziplinen erreiche, für die Leos
            Roman als Quellen- und Vergleichstext interessant sein <italic>muss</italic>, also u.a.
            in der germanistischen, romanistischen, skandinavistischen (bei bekanntermaßen nur
            eingeschränkt vorauszusetzenden Kompetenzen im Bereich mittellateinischer Literatur).
            Zur Genese, primären Rezeption und bis in die Moderne anhaltenden Wirkungsgeschichte des
            griechischen Alexanderromans (einem „Stück Weltliteratur“ wahrlich, wie die erste
            Abschnittsüberschrift annonciert, vii) bietet die Einleitung aber allenfalls
            Schraffuren, und nicht viel mehr zum Profil des lateinischen Autors und seines Umfelds.
            Meilensteine und Namen der Rezeptionsgeschichte fehlen (anders noch bei Kirsch), die Einleitung
            fokussiert allzu rasch auf die drei Fassungen, die die Edition summarisch zusammenführt.
            Zu ihnen wird das Grundlegende immerhin transparent resümiert (ix f.). Angesichts
            solcher Beschränkungen ist es besonders zu bedauern, dass auch das Verzeichnis
            weiterführender Literatur sich auf acht Titel beschränkt (xii) und dass auch unverzichtbare
            rezente Standardwerke darin fehlen. [7] </p>
        <p>Eine Konsequenz dieser auch für Editionen unüblichen Kargheit ist, dass auch der
                <italic>Stellenkommentar</italic>, der vielfach Kirschs Annotaten folgt (dank
            Seiten- und Zeilenangaben gerät er gleichwohl übersichtlicher), keine Forschungshinweise
            enthält. Antike Vergleichstexte und Quellen werden unter Verwendung von Kürzeln
            aufgeführt und zitiert, die im Buch unaufgelöst bleiben. [8] Aus alledem folgt: Ohne
            ergänzende Bibliographien, Lexika, Handbücher und ab und an eine Prise Divination dürfte
            sich zumindest jener Teil der Leserschaft, der sich dem Text aus kulturhistorischem
            Interesse oder von einer Nachbardisziplin her nähert, unterversorgt fühlen.</p>
        <p>Ganz auf seine Kosten kommt dagegen, wer exklusiv am Inhalt, nicht an Prä- oder Kontexten
            des edierten Werks interessiert ist: Er erhält einen gediegen gebundenen, ansprechend
            layouteten, intuitiv synoptisch gesetzten Text, dessen Lektüre nicht nur komparatistisch
            lohnt, sondern auch ‚an sich‘--sei es als Zeugnis einer rasch romanhaft überformten
            Ausnahmevita zwischen Fakten und Fiktionen, sei es als früher Helden-, Abenteuer- und
            Reiseroman, der die weitere Gattungsgeschichte maßgeblich mitbestimmen sollte. In dieser
            Hinsicht ist das Buch auf dem wachsenden zweisprachig-mediävistischen Markt ein großer
            Gewinn.</p>
        <p>--------</p>
        <p>Noten</p>
        <p>1. Vgl. Verlagsprospekt: <ext-link
                xlink:href="https://www.hiersemann.de/reihen/mittellateinische-bibliothek"
                >https://www.hiersemann.de/reihen/mittellateinische-bibliothek</ext-link>
            (24.9.2021).</p>
        <p>2. I1, ed. Hilka/Steffens, Meisenheim 1979; I2, ed. Hilka, ebd. 1976/77; I3, ed.
            Steffens, ebd. 1975.</p>
        <p>3. Wolfgang Kirsch (Hg.): <italic>Historia de preliis Alexandri Magni. Rezension I1,
                unter Berücksichtigung der ursprünglichen Fassung des Archipresbyters Leo und der
                Abweichung der Rezensionen I2 und I3</italic>. Leipzig 1975; <italic>Historie von
                Alexander dem Großen</italic> [des Leo von Neapel]. Übersetzung aus dem
            Mittellateinischen, Nachwort und Anmerkungen von Wolfgang Kirsch. Leipzig [4] 1984. 1991
            folgte dieser Ausgabe eine mit den Miniaturen der Leipziger Hs. (Stadtbibl. Rep.
            II.4°.143) versehene bibliophile Übersetzung der Redaktion I2 aus gleicher Feder:
                <italic>Das Buch von Alexander, dem edlen und weisen König von Makedonien. Mit den
                Miniaturen der Leipziger Handschrift,</italic> hg. von Wolfgang Kirsch. Leipzig
            1991.</p>
        <p>4. Satztechnische Alternativen wie Kursivierung, Fettdruck, Sperrung oder Binnensynopsen
            hätten wohl mehr Transparenz geschaffen, freilich auf Kosten des ruhigen Schriftlayouts.
            Ich vermag die Entscheidung daher nicht grundsätzlich zu kritisieren.</p>
        <p>5. Oswald Zingerle: „Die Quellen zum Alexander des Rudolf von Ems.“ Im Anhange:
                <italic>Die Historia de preliis</italic>. Breslau 1885 (Germanistische Abhandlungen,
            4).</p>
        <p>6. Vgl. Mechthild Pörnbachers Kritik, hier an der I2-Übersetzung Kirschs (s.o., Anm. 3),
            in: <italic>Francia</italic> 19 (1992), S. 316f. („traduction...par endroits...d’une
            expression recherchée,“ 316).</p>
        <p>7. Genannt sei pars pro toto das voluminöse Referenzwerk: <italic>La fascination pour
                Alexandre le Grand dans les littératures européennes (Xe-XVIe siècle)</italic>, dir.
            Catherine Gaullier-Bougassas. 4 Bde., Turnhout 2014; zu Leo von Neapel: Bd. 1, 32-37,
            und Bd. 4, 52-56, zu den Bearbeitungen I1-3: Bd. 4, 30-48 (mit Bibliogr.).</p>
        <p>8. In diesem Fall mochten Bibelbücher oder Fälle wie „Arr. an.,“ „Curt.,“ „Plut. Alex.,“
            „Oros.“ oder „Ios. ant. Iud.“ noch als eingeführt oder selbsterklärend durchgehen,
            Mehrdeutiges wie „Iust.“ aber eher nicht--und in jedem Fall fehlen die jeweils genutzten oder
            zitierten Referenzausgaben.</p>
    </body>
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