<?xml version="1.0" encoding="UTF-8" standalone="yes"?>
<!DOCTYPE article  PUBLIC "-//NLM//DTD JATS (Z39.96) Journal Archiving and Interchange DTD v1.1 20151215//EN" "https://jats.nlm.nih.gov/archiving/1.1/JATS-archivearticle1.dtd">
<article dtd-version="1.1" article-type="book-review">
    <front>
        <journal-meta>
            <journal-id>TMR</journal-id>
            <journal-title-group>
                <journal-title>The Medieval Review</journal-title>
            </journal-title-group>
            <issn pub-type="epub">1096-746X</issn>
            <publisher>
                <publisher-name>Indiana University</publisher-name>
            </publisher>
        </journal-meta>
        <article-meta>
            <article-id pub-id-type="publisher-id">21.09.05</article-id>
            <title-group>
                <article-title>21.09.05, Bleuler/Kern (eds.), Poesie des Widerstreits</article-title>
            </title-group>
            <contrib-group>
                <contrib contrib-type="author">
                    <name>
                        <surname>Joerg O. Fichte</surname>
                        <given-names/>
                    </name>
                    <aff>University of Tuebingen</aff>
                    <address>
                        <email>Joerg.fichte@uni-tuebingen.de</email>
                    </address>
                </contrib>
            </contrib-group>
            <pub-date publication-format="epub" date-type="pub" iso-8601-date="2021">
                <year>2021</year>
            </pub-date>
            <product product-type="book">
                <person-group>
                    <name>
                        <surname>Bleuler, Anna Kathrin and Manfred Kern, eds</surname>
                        <given-names/>
                    </name>
                </person-group>
                <source>Poesie des Widerstreits: Etablierung und Polemik in den Literaturen des Mittelalters</source>
                <year iso-8601-date="2020">2020</year>
                <publisher-loc>Heidelberg, Germany</publisher-loc>
                <publisher-name>Universitätsverlag Winter Heidelberg</publisher-name>
                <page-range>Pp. vii, 372</page-range>
                <price>€64.00 (hardback)</price>
                <isbn>978-3-8253-4754-3 (hardback)</isbn>
            </product>
            <permissions>
                <copyright-statement>Copyright 2021 Trustees of Indiana University. Indiana University provides the information contained in this file for non-commercial, personal, or research use only. All other use, including but not limited to commercial or scholarly reproductions, redistribution, publication or transmission, whether by electronic means or otherwise, without prior written permission of the copyright holder is strictly prohibited.</copyright-statement>
            </permissions>
        </article-meta>
    </front>
    <body>
        <p>Im vorliegenden Band sind die Beiträge zweier Tagungen zum Programmbereich
                <italic>Kunstpolemik--Polemikkunst</italic> in Salzburg (15. bis 17. Oktober 2015
            und 30. Juni bis 2. Juli 2016) zusammengefasst. Dominantes Thema der Aufsatzsammlung ist
            poetischer Widerstreit, der in seiner ganzen Breite aufgefächert und entfaltet wird. Die
            dabei entstehende Polemik wird als "eine literarisch-poetische Verfahrensweise bzw.
            Methode der intertextuellen Auseinandersetzung" (5) verstanden, die auf "Gegnerschaft,
            Kritik, Streit und Herabsetzung zielt," um den "Gegner zu degradieren und auf diese
            Weise Macht über ihn zu demonstrieren" (6).</p>
        <p> </p>
        <p>Widerstreit, verstanden als Agonalität, findet sowohl diachron als auch synchron statt,
            d. h. unter Autoren, die in einer historischen Reihe stehen, und denen, die einer
            bestimmten Epoche angehören. Polemik dient zur poetischen Selbstbehauptung, um sich
            einerseits von der Vorgängergeneration abzusetzen und andererseits zeitgenössische
            Konkurrenten abzuwehren. Analysiert wird Widerstreit von weltlichen und geistlichen
            Diskursen, oder lyrischen und epischen, so wie in Schreibweisen und Gattungen als auch
            im Œuvre einzelner Autoren, die in ihren Werken eine Art Autopolemik betreiben.
            Weiterhin werden Strategien der Etablierung und der Polemik im Zusammenhang mit
            Namensnennung herausgearbeitet sowie Formen des Widerstreits auf der Ebene der Sujets
            und des Erzählens selbst, ein Widerstreit, der auch über Figuren ausgetragen werden
            kann. Auf der Metaebene schließlich geht es um polemische Konstellationen in der
            Wissenschaft.</p>
        <p>Angesichts der Vielfalt agonalen Sprechens war es für die Herausgeber nicht einfach, die
            Beiträge in stringenter Abfolge anzuordnen, denn gelegentlich überlappen sich die
            Diskurse und synchron stattfindende Auseinandersetzungen lassen sich nicht ohne
            Rückgriff auf historische Entwicklungen verstehen. Trotz dieser Schwierigkeiten ist die
            Struktur des Buches einigermaßen übersichtlich: Es lassen sich sechs Themenkomplexe
            identifizieren: (1) synchrone Polemik; (2) diachrone Polemik; (3) verdeckte Parodie und
            Polemik; (4) <italic>aemulatio</italic> als Polemik; (5) affektive und moralisierende
            Polemik; (6) Parodie als (Auto)-Polemik.</p>
        <p>Den Auftakt bilden drei Aufsätze, die Polemik als Konflikt des Ichs zwischen weltlichem
            Frauen- und religiösem Gottesdienst (Bleuler), zwischen Spielleuten und den klassisch
            gebildeten Verfassern der <italic>chansons de geste</italic> (Burrichter), und zwischen
            Vertretern von korrekten und falschen ethischen Normen (Friede) synchron behandeln.</p>
        <p>Ausgehend von den Liedern Friedrichs von Hausen entwickelt Anna Kathrin Bleuler eine neue
            Textreihe (bestehend aus 18 Texten), die das lyrische Ich im Konflikt zwischen Minne-
            und Gottesdienst positionieren. Dieser fundamentale Konflikt kann auf unterschiedliche
            Weise gelöst werden: endgültige Absage an die Frauen und ganzheitliche Hinwendung zu
            Gott (Hartmann); Überwindung der Unvereinbarkeit der beiden Haltungen, indem der
            Gottesdienst, die Kreuzzugsteilnahme, als Dienst an der Dame ausgelegt wird (Otto von
            Botenlauben); und Absage an den Gottes- und Hinwendung zum Frauendienst (Reinmar der
            Alte) (38).</p>
        <p> Brigitte Burrichter widmet sich dem Thema der Spielmannsschelte in den Prologen von
                <italic>chansons de geste</italic>, deren Autoren damit vollkommen aus der
            Mündlichkeit heraustreten und sich zur Autorisierung ihrer Erzählungen auf schriftliche
            Quellen berufen. Die Polemik der gebildeten Dichter richtet sich gegen das mangelnde
            Wissen und Können der Spielleute, ihre finanzielle Abhängigkeit von ihrem Publikum, und
            aus moralischer Sicht, gegen ihre Lügengeschichten (51).</p>
        <p>Susanne Friede untersucht die narrativen Strategien der Polemik in französischen Texten
            von 1175 bis 1185. Im Mittelpunkt ihrer Untersuchung steht zunächst der Tristanstoff,
            dessen Liebeskonzept zum Anlass einer polemischen Auseinandersetzung wurde, weil die
            Liebe künstlich (durch den Liebestrank) und nicht auf natürliche Weise über die Augen
            erzeugt wurde "und auch nicht durch die Gegenliebe oder die <italic>pité
           </italic> 'erfolgreich'war" (59). Diese Polemik wurde anschließend auch im <italic>Roman
                de Renart</italic> aufgegriffen und in ein parodistisches Verfahren umgewandelt: die
            höfische Liebe wird parodiert, womit sich "die Parodie als Schwundstufe der Polemik
            erweist" und nicht umgekehrt (64). </p>
        <p>Der zweite Teil des Beitrags ist der Untersuchung dreier Texte aus dem umkämpften
            Jahrzehnt gewidmet: Chrétiens <italic>Perceval</italic>, <italic>Partonopeu de
                Blois</italic>, und dem <italic>Roman d'Alexandre</italic> des Alexander von Paris.
            Im Mittelpunkt der Textanalyse steht die polemisch geführte Auseinandersetzung um das
            Alleinstellungsmerkmal der christlichen Eigenschaften und Verhaltensnormen der sich
            entwickelnden Eliten und deren Abgrenzung von nicht-adligen Parvenus.
            Selbstvergewisserung einer bestimmten Gruppe wird vor allem invektivisch erreicht (70). </p>
        <p>Eine zweite Gruppe behandelt das Thema Polemik diachron: als Konflikt zwischen Latein und
            Volkssprache, vor allem in Bezug auf Bibelübersetzungen (Hammer), die Modernen-Debatte
            in den mittellateinischen Poetiken des 12. und 13. Jahrhunderts vor dem Hintergrund der
            klassischen Poetiken (James-Raoul), und die poetische Etablierung durch Nennung des
            eigenen Namen, um sich von Vorgängern abzusetzen (Kern).</p>
        <p>In seinem Beitrag "Polemiken zu einer 'Glaubensfrage' in der geistlichen Literatur..."
            beleuchtet Andreas Hammer zunächst Otfrids Einstellung zur Volksprache. Die Etablierung
            des Deutschen bzw. des Fränkischen als Schriftsprache steht im klaren Gegensatz zur
            Verwendung der Volkssprache für den mündlichen Vortrag weltlicher Lieder. Darin folgt er
            übrigens der Einschätzung Alkuins eine Generation vor ihm, der in einem Brief die Mönche
            von Lindisfarne, die sich offensichtlich am Vortrag von Heldenliedern erfreuten, fragt:
                <italic>Quid Hinieldus cum Christo?</italic> Die Antwort ist nichts, denn Ingeld war
            Heide und somit ist die Rezitation seiner Taten im Kloster fehl am Platz. Polemisiert
            wird also auch hier nicht gegen die Volkssprache, sondern gegen weltliche Lieder. </p>
        <p>Selbst Luther muss die Volkssprache nicht mehr verteidigen. Seine Bibelübersetzung, die
            auf dem hebräischen und griechischen Urtext beruht, ist nur in dem Sinn polemisch, dass
            er damit die <italic>Vulgata</italic> als verbindlichen Text quasi abschafft und so auch
            die Autorität der römischen Kirche insgesamt infrage stellt.</p>
        <p>In ihrem Aufsatz zur Moderne-Debatte in den mittellateinischen Poetiken des 12. und 13.
            Jahrhunderts befasst sich Danièle James-Raoul mit drei Gesichtspunkten: der
            Identifizierung der Vorbilder durch die Grammatiklehrer, die für das Wissen um den
            richtigen Gebrauch einer literarischen Schreibweise erforderlich sind; deren Betonung
            der <italic>novitas</italic>, um sich von den antiken Vorgängern abzuheben, wenn sie als
                <italic>moderni</italic> auftreten; und den unterschiedlichen Praktiken des
            Schreibens, abgestimmt auf die Erwartungen des zeitgenössischen Publikums (100).
            James-Raoul kommt zu dem Schluss, dass die Tradition bewahrt wird, weil sie die Lektüre
            der Alten ermöglicht, auch wenn sie nicht mehr als Richtschnur moderner Schreibweise
            taugt.</p>
        <p>In seiner Studie "<italic>Nomen indelebile nostrum</italic>. Poetische Etablierung im
            Wettstreit der Namen" definiert Manfred Klein Onymität als provokante Signatur und eine
            "Art persönliche Usurpation jener Tradition, auf der er immer schon aufruht" (115). In
            diesem Kontext werden Namensnennungen bei Chrétien, Hartmann, und Wolfram untersucht.
            Wolfram unterscheide sich von seinen Vorgängern durch seine Autorsignatur in Ich-Form.
            Gegen die Polemik belesener Mittelbarkeit bei Hartmann, die in der dritten Person
            beglaubigt wird, setze Wolfram eine Poetik vorgeblich illiterater Unmittelbarkeit, wofür
            der Autorname in der ersten Person stehe. "Unmittelbarkeit bedeutet dabei Widerspruch,
            Agonalität, polemische Entzweiung" (139). </p>
        <p>Die nächsten beiden Aufsätze (Gruppe 3) befassen sich mit verdeckter Parodie und Polemik
            im Minnesang (Klein) und offener Parodie in den deutschsprachigen Paternoster-Parodien
            aus dem 14. und 15. Jahrhundert (Kössinger). </p>
        <p>Dorothea Klein untersucht Doppelzuschreibungen von Liedern anhand von Morungen MF 145,33
            ff. und von Hartmann MF 214, 34 ff./L 217, I ff., die beide Strophen enthalten, die
            Walter zugeschrieben werden müssten, der das Mittel der Parodie und Polemik "zur
            Bekräftigung eigener Positionen und literarischer Identität" nutzte (170).</p>
        <p>Norbert Kössinger beschäftigt sich mit parodistischen Verfahren in den deutschsprachigen
            Paternoster-Parodien aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Untersucht werden die
                <italic>Paternoster-Parodie</italic> zusammen mit der <italic>Ave
                Maria-Parodie</italic>, <italic>Des Buben Paternoster, Der Spunziererin
                Gebet</italic>und <italic>Des</italic>
            <italic>Wucherers Paternoster.</italic> In allen Parodien bleibt der Wortlaut des
            Paternoster-Texts unangetastet. Die Neu-Kontextualisierung und Neu-Funktionalisierung
            zeige vielmehr eine Nähe zu den Diskursfeldern Liebe/Sexualität, Trunksucht und Geld.
            Polemische Untertöne richten sich gegen das "'automatisierte' Herunterleiern des
            Gebetstextes sowie gegen Ablenkungen vom andächtigen Sprechen des Gebets" (191). </p>
        <p>Die Aufsätze von Kuon und Malzacher (Gruppe 4) untersuchen die <italic>aemulatio
           </italic> bei Petrarca und den <italic>stilnuovo</italic> bei Dante und Petrarca, vor
            allem unter dem Aspekt der elitären Selbstpositionierung, die erwartungsgemäß zu einer
            polemischen Auseinandersetzung mit dem Vorgänger führt.</p>
        <p>Peter Kuons Aufsatz analysiert <italic>aemulatio</italic> bei Petrarca und Dante.
            Gelungene poetische Nachahmung diene dazu, den Hörer oder Leser zu verunsichern, d. h.
            also offensichtliche Anlehnungen oder wortwörtliche Übernahmen zu vermeiden.
            Ähnlichkeiten sind zwar beabsichtigt, werden aber verschleiert. Unter Beibehaltung
            ähnlicher Strukturen lassen sich mit dieser Taktik Umdeutungen erzielen. So werde der
                <italic>Canzoniere</italic> zum Gegenmodell von Dantes <italic>Commedia,
           </italic> also keine Erlösungsgeschichte, sondern nur eine von vielen Möglichkeiten,
            Liebesgedichte zu schreiben. Dantes Begegnung mit Arnaut im <italic>Purgatorio</italic>
            diene dazu, die Problematik höfischer Liebesdichtung zu verdeutlichen und im Rückgriff
            auf die Francesca-Episode "veredelte Liebeskonzeptionen der Literatur als
                <italic>folor...</italic>zu verwerfen" (207). </p>
        <p>Alice Malzachers Beitrag geht in eine ähnliche Richtung. Auch hier wird das komplexe
            Verhältnis Petrarcas zu seinem großen Vorgänger Dante thematisiert. Aus der Kanzone
                <italic>Donne ch'avete intelletto d'amore</italic> extrahiert Malzacher die drei
            Regeln des <italic>dolce stil nuovo</italic>: (1) der Dichter spricht nicht mehr von
            sich selbst; (2) der Dichter redet die Geliebte nicht mehr direkt an; und (3)
            ausschließlicher Gegenstand der Liebesdichtung ist das Lob der Geliebten. Diese
            Entwicklung "von der 'poesia-comunicazione' zur 'poesia-celebrazione'" führe zur
            "Objektivierung der Dichtung, welche mit einer notwendigen Entsubjektivierung
            einhergeht" (211). Dieses System steht in starkem Kontrast zur Lyrik Petrarcas, welche
            dem Subjektiven aufs äußerste verhaftet bleibt sowie dem Irdischen und der unmittelbaren
            direkten Kommunikation mit der Geliebten. </p>
        <p>Die Abfolge zweier Aufsätze (Gruppe 5) ist nicht unbedingt zwingend. Den Entwurf einer
            Grammatik der Emotionen im dichterischen Wettstreit der Troubadours (Oriol) hätte man
            auch der ersten Gruppe zuordnen können. Mit seiner Betonung ethischer Werte, die ihren
            Ausdruck in widerstreitender Dialogizität findet, ist der Aufsatz jedoch auch eine
            Überleitung zum Beitrag von Raumann, die die Klischees bei der Betrachtung
            französisch-deutscher Literaturbeziehungen unter moralischen Gesichtspunkten kritisch
            beleuchtet.</p>
        <p>Guillaume Oriol untersucht die Bedeutung der Affekte in der rhetorischen Gestaltung der
            Trobadourlyrik (<italic>tenson</italic> und <italic>partimen</italic>). Als Beispiel
            wählt er die Debatte zwischen Raimbaut d'Aurenga, der den Reiz und die Schönheit des
                <italic>trobar clus</italic> preist, und Guiraut de Bornelh, der als Advokat des
                <italic>trobar leu</italic> auftritt. Im Zentrum der Analyse stehe die <italic>joy
           </italic> als Hauptthema sowohl einer Ethik der Liebesbeziehung als auch als Ausdruck des
            dichterischen Vergnügens am Schreiben. Rhetorik und Konzeptionen einer Psychologie der
            Affekte verbinden sich also. Das zweite Beispiel, der Wettstreit zwischen Giraut de
            Bornelh und Alphons II. von Aragon, thematisiere Theorie und Praxis der höfischen
            Erotik. Der König verkörpere die reale Aristokratie, der Dichter die des Herzens. Vor
            allem in den Partien von Giraut drücke sich dessen innere Zerrissenheit aus und das
            dialogische Verfahren seiner Argumentation ziele darauf, "den Tumult des Innenlebens
            unmittelbar wiederzugeben" (238). Das dritte Beispiel, ein <italic>partimen
           </italic> zwischen Aimeric de Perguilhan und Albertet de Sisteron zum Thema <italic>qui
                res non es</italic> (was es nicht gibt), liest Oriol als "eine metapoetische
            Reflexion über den mündlichen Wettstreit der Troubadours...einem Spiel, das letztlich
            wie zum Vergnügen seine eigenen Regeln aufstellt" (245).</p>
        <p>Drei Gesichtspunkte bestimmen Rachel Raumanns Untersuchung zu literaturwissenschaftlichen
            Klischees: (1) die Argumente mittels derer die deutschen Bearbeiter altfranzösischer
            Vorlagen als lehrhafte Moralisierer ausgewiesen werden; (2) die Überprüfung dieser
            Thesen anhand von ausgewählten Beispielen aus Hartmanns <italic>Erec</italic> und
                <italic>Iwein</italic>; und (3) die Frage nach dem Ursprung dieser Klischees. Ihr
            Befund fällt negativ aus: Hartmann tilge regelmäßig lehrhaft-moralisierende Erzähler-
            bzw. Figurenbemerkungen, d. h. die ihm unterstellte Tendenz zur (Moral)-Didaxe sei nicht
            nachweisbar.</p>
        <p>Die abschließenden vier Aufsätze, mit Ausnahme dessen von Terrahe, der von seiner
            Thematik, der Dekonstruktion des <italic>âventiure</italic>-Ritters, ebenfalls eher zur
            ersten Gruppe gehört, behandeln parodistische Verfahrensweisen. Kunstvolles poetisches
            Scheitern wird von Chaucer im <italic>Tale of Sir Thopas</italic> inszeniert (Schäfer).
            Verdeckte parodistisch-polemische Auseinandersetzungen mit verschiedenen lateinischen
            und deutschsprachigen Vorgängertraditionen konstatiert Schneider in seiner Analyse des
                <italic>Weinschwelgs.</italic> Wolfzettel schließlich interpretiert Boccaccios
                <italic>Corbaccio</italic> als Absage des Autors an sein eigenes Werk, d. h. als
                <italic>revocatio</italic> der eigenen dichterischen Vergangenheit, und somit als
            eine Art Autopolemik.</p>
        <p>Ursula Schäfer untersucht Chaucers <italic>Tale of Sir Thopas</italic> vor dem vom
            Dichter evozierten Erwartungshorizont in den <italic>Canterbury Tales</italic>. Diese
            Schweifreimromanze, die alle Defekte der Gattung aufweist und sich von ihrer Struktur
            her selbst dekonstruiert, wie John Burrow schon vor langer Zeit dargelegt hat, sei nicht
            nur eine "perfekte Normenerfüllung," sondern mache damit auch sinnfällig, was Chaucers
            eigene Kunst--außerhalb dieser Romanze leiste (296). Ein ähnliches Verfahren hatte
            Chaucer übrigens bereits in der unvermittelt abgebrochenen Vision <italic>The House of
                Fame</italic> (einer Himmelsreise) benutzt. Auch dort verwendet der Dichter das
            Mittel der Autopolemik, um in diesem Fall die Visionsliteratur zu parodieren und sich
            vom Streben nach dichterischem Ruhm und Anerkennung durch die Nachwelt zu
            distanzieren.</p>
        <p>Der <italic>Weinschwelg,</italic> bestehend aus Trinkerrede und Erzählerkommentaren, wird
            von Martin Schneider als parodistische Auseinandersetzung mit der lateinischen
            Vagantenlyrik, dem deutschen Minnesang und vor allem mit dem Sangspruch interpretiert.
            Besonders die "Verknüpfung von Wissen, Können (hier: virtuosem Trinken) und
            Meisterschaft weist nicht nur auf den Minnesang hin, sondern auf die verwandte lyrische
            Gattung des Sangspruchs" (309). Diese Parodie epischer und lyrischer Dichtung erschaffe
            eine neue Figur, "die des omnipotenten Trinkers" (318), der am Ende durch die
            Einverleibung des Weins dessen Kräfte als Gebieter der Menschen erlangt.</p>
        <p>Tina Terrahe untersucht die Polemik des Widerstreits innerliterarisch an der
            Figurendarstellung bei Hartmann und Wolfram. Das Hauptaugenmerk richtet sich auf den
            literarischen Antagonismus zwischen Gawan und Parzival. Ihrer Ansicht nach überspitzt
            Wolfram systematisch den Typus des<italic>âventiure</italic>-Ritters und "übertreibt die
            Absurdität dieser Lebensform dermaßen, dass er teils komisch, teils aber auch
            tiefdramatisch die Unmöglichkeit dieser (vielleicht ohnehin nur literarisch
            phantasierten) ritterlichen Existenz vorführt" (320). Wolfram stelle diesem Streiter mit
            dem denkenden Diplomaten Gawan ein alternatives Ritter-Konzept entgegen. Die
            traditionelle Konfliktlösung durch Kampf auf Leben und Tod werde nun durch überlegtes
            Handeln erreicht.</p>
        <p>Den Abschluss der Aufsatzsammlung bildet Friedrich Wolfzettels Beitrag zu Boccaccios
                <italic>Corbaccio</italic>, einem Werk, das zwar ausgesprochen misogyn ist, aber
            trotz seiner oder gerade wegen seiner Polemik den Übergang vom Mittelalter zum
            Humanismus markiere. Es handele sich um "eine Art Autopolemik," in der es darum gehe
            "die eigene Vergangenheit zu widerrufen und mittels dantesker Intertextualitätssignale
            eine neue Richtung einzuschlagen, eben mit dem Ziel des bei Dante vorgegebenen 'riscatto
            morale'" (344). Durch die Nachahmung der äußeren Struktur der <italic>Divina Commedia
           </italic> im Kleinen privatisiere und säkularisiere er die geistliche Vision und erziele
            somit eine "psychologische, vernunftbegleitete und radikal individuelle Interpretation
            des Weges vom <italic>Inferno</italic> zum <italic>Paradiso</italic> bzw. zu einer
            anderen Art des <italic>paradiso terrestre</italic>" (355).</p>
        <p>Wie aus der Präsentation der sechzehn Beiträge ersichtlich, deckt die vorliegende
            Aufsatzsammlung ein breites Spektrum ab. Es werden nicht nur Werke unterschiedlicher
            Gattungen und Schreibweisen, sondern auch unterschiedlicher Literaturen im Hinblick auf
            ihr agonales Potential untersucht, so dass sich für den interessierten Leser ein
            abgerundetes Gesamtbild des Untersuchungsgegenstandes ergibt. Alle Aufsätze zeugen nicht
            nur von profunder Sachkenntnis ihrer Autoren, sondern sie regen dazu an, auch andere
            Texte auf Agonalität und (intertextuelle) Polemik zu überprüfen. Die beiden Herausgeber
            haben eine gute Wahl getroffen.</p>
    </body>
</article>