The Medieval Review 09.12.07

Nederman, Cary J. Lineages of European Political Thought: Explorations along the Medieval/Modern Divide from John of Salisbury to Hegel. Washington, D. C. : The Catholic University of America Press, 2009. Pp. xxiv, 375. . $ 39.95 978-0-8132-1581-5.

Reviewed by:

Jürgen Miethke
juergen.miethke@zegk.uni-heidelberg.de
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Cary J. Nederman, der sich durch scharfsinnige Studien zur Geschichte der politischen Theorien des Mittelalters, insbesondere zu Marsilius von Padua, einen Namen von hellem Klang gemacht hat, legt eine Sammlung von 20 thematisch zusammenhängenden Arbeiten vor. "A number of the chapters contained in this volume are significantly revised and updated versions of papers that have appeared previously," der älteste Aufsatz (ch. 2) stammt aus dem Jahr 1985, der jüngste (ch. 8) von 2007, zwei Kapitel (chs. 4 u. 18) waren in dieser Form noch nicht veröffentlicht worden (eine Liste der Erstpublikationen findet sich p. x sq.). Der verrätselte Titel, mehr aber noch die Einleitung des Autors (pp. xiii-xxiv) machen deutlich: hier sollen "Umrisse" der Entwicklung der mittelalterlichen politischen Theorien im Unterschied zu ihrer neuzeitlichen Entfaltung "entlang der Grenzmauer" zwischen beiden gezeichnet werden. Die Neuzeit selbst kommt nur insoweit ins Spiel, als einige "Modern Receptions of Medieval Ideas" (261-342) vorgestellt werden, freilich verständlicherweise ohne Anspruch auf eine auch nur annähernde Vollständigkeit oder Repräsentanz. Man wird also wenig oder nichts von der modernen Theoriegeschichte hören, sie taucht allenfalls gelegentlich auf und tritt nicht eigens auf. Explizit erscheinen in eigenen Kapiteln nur vier englische Autoren des 17. Jahrhunderts, die ausdrücklich auf die Autorität von Henry Bracton's "De legibus et consuetudinibus Angliae" zurückgreifen, unter ihnen auch Thomas Hobbes (ch. 19), sowie Hegel (ch. 20), dessen Deutung mittelalterlicher (Vor-) Staatlichkeit eingehend analysiert wird. Diese beiden Abschnitte haben die Funktion, die neuzeitliche Theoriegeschichte zu repräsentieren, weil sie auf das Mittelalter über den Zaun des "Divide" zwischen Mittelalter und Moderne explizit zurükblicken. Freilich wird überall als selbstverständlich vorausgesetzt, dass ein derartiger Zaun, ein fundamentaler Unterschied zwischen mittelalterlichen und neuzeitlichen Theorieansätzen bestehe. Dabei will Nederman jedoch, wie die erste Gruppe seiner Arbeiten in dem Band (chs. 1-4) verdeutlicht, weder etwa mit Quentin Skinner eine scharfe und eindeutige Epochengrenze beider Theoriephasen anerkennen (bes. ch. 2), noch mit den von ihm sogenannten "Figgisites" oder "Neo-Figgisites," d.h. zeitgenössischen Forschern, die analog zu den Anschauungen von John Neville Figgis aus dem beginnenden 20. Jahrhundert eine massive Kontinuität zwischen mittelalterlichen Ansätzen und neuzeitlichen Theorien wahrnehmen, von einer schlichten Kontinuität beider Epochen ausgehen (ch. 3: "Pathologies [!] of Continuity, The Neo-Figgisites"). Vielmehr möchte er eine historisch, ja historistisch vermittelnde Linie der Interpretation verfolgen, wie sie in England im 20. Jahrhundert etwa Alexander Passerin d'Entrèves vertreten habe (so das bisher noch unveröffentlichte ch. 4).

Methodisch geht Nederman nirgendwo ernstlich auf die jeweilige historische Situation der von ihm behandelten Theorien und Theoretiker ein, vielmehr behandelt er die Texte ganz im Sinne der US-amerikanischen "Intellectual History" jeweils als in sich geschlossene Theorieentwürfe, also gewissermassen in sich ruhend als jeweils eigenen Ideenkosmos, der allenfalls von ganz globalen Entwicklungen (wie der Geldwirtschaft oder der Staats- und Herrschaftsverdichtung) fundiert und damit gerahmt wird. Die persönliche Situation der einzelnen Theoretiker, ihre Placierung in theoretischen Kontroversen, ausdrücklichen Debatten oder politischen Konflikten bleibt dagegen weithin ausgeblendet. Nederman zieht einen weiten Kreis von Autoren heran, wobei ihm englische (und ins Englische übersetzte) sowie italienische Texte besonders am Herzen liegen: Ohne Vollständigkeit zu beanspruchen seien hier genannt der (schon im Titel des Buches auftretende) Johannes von Salisbury (ch. 5), Brunetto Latini (ch. 9), Henry de Bracton (chs. 6 u. 19), Pagula (chs. 8, 14), Roger Bacon (ch. 18), Johannes Quidort (ch. 14), Marsilius von Padua (chs. 5, 7, 10 u.ö.), Nicole Oresme (ch. 15), Christine de Pizan (ch. 16), Jean Gerson (chs. 7, 12), Nicolaus Cusanus (ch. 11), John de Fortescue (chs. 7, 17) und schliesslich in einem "neuen" Beitrag Niccolò Machiavelli (ch. 18), dazu fallen noch mehr oder minder knappe Bemerkungen zu anderen Leuchtsternen am Theoriehimmel ab (wie Hugo von Sankt Viktor, Roger Bacon, Thomas von Aquin, Engelbert von Admont, Aegidius Romanus, Walter Burley, Wilhelm von Ockham, oder Pierre d'Ailly und insbesondere natürlich immer wieder zu Aristoteles): eine wahrhaft bemerkenswerte Reihe, bei der eher die Breite und Buntheit erstaunt als die unvermeidlichen Lücken, die geblieben sind. Dass weder Dante Alighieri noch die grossen Juristen (wie Innozenz IV. oder der Hostiensis) oder auch John Wiclyf begegnen, ist zu verschmerzen, ist das entrollte Panorama doch sicherlich eindrucksvoll genug.

Nederman gruppiert seine Auslegungen um drei Hauptthemen, einmal um die Grenzen der Herrschaftskompetenz und die Bedeutung von Dissent und Widerstand ("Dissenting Voices and the Limits of Power"), um das Verhältnis von Universalherrschaft und republikanischen Traditionen ("Republican Self Government and Universal Empire"), schliesslich um mittelalterliche Theorien politischer Ökonomie ("The Virtues of Necessity: Economic Principles of Politics"). Dabei wirft er Schlaglichter auf sehr unterschiedliche, auch im theoretischen Niveau höchst unterschiedlich arrivierte Texte, die er intensiv auf ihre Aussagen hin abhört. Man wird die Interpretationen mit Gewinn zur Kenntnis nehmen, auch wenn sich aus den verschieden intensiven Farbflecken naturgemäss kein kohärentes stimmiges Gemälde einer Entwicklung oder ein geschlossenes Bild der mittelalterlichen Theoriebemühungen ergibt. Die verschiedenen Ansätze und ihre Richtung auf die moderne Entwicklung hin werden immer wieder, oft in Vorwegnahme, manchmal auch in deutlicher Absetzung unterstrichen. Es kommt Nederman auf die individuelle Nuancierung, die persönliche Leistung der von ihm ins Visier genommenen Theorieangebote an, und dabei macht er nachdenkenswerte Erfahrungen. Nicht immer wird man seiner Sicht ohne Bedenken folgen wollen, so wird Widerspruch etwa dort nötig, wo er den spätmittelalterlichen Konziliaristen einen genuinen Begriff von Repräsentation abspricht, wie in ch. 7, pp. 99ff, bes. 102: "I contend that political representation as a theoretical precept [!] was not present in the writings of medieval authors, regardless of whether they were addressing the Church or the secular polity, at least through the late fifteenth century." Wenn wir die für das Buch charakteristische Einschränkung einmal beiseite lassen, die die Aussage wiederum fast im Atemzug ihrer Äusserung zurückzunehmen scheint, dieses schroffe Verdikt wird begründet mit einer Definition politischer Repräsentation, die Nederman sich bei Hanna Pitkin [1] besorgt hat, die durch "Repräsentation" in modernen angelsächsischen Parlamenten stets beides, "symbolische" und "delegierte" Autorität bei den Repräsentanten lokalisiert sieht. "Representatives" haben damit, wie immer diese ihre doppelte Autorität ihrem Gewicht nach unterschiedlich gewichtet sein mag, stets sowohl objektive Interessen (der Repräsentierten) als auch subjektive (persönliche) Wünsche, was nur höchst selten zusammenfalle. Diese Zwieschlächtigkeit aber sei in mittelalterlicher Repräsentation nicht gegeben, da sowohl die "spirituelle" (d.i. kirchliche), als auch die "praktische" (d.i. die weltliche) Repräsentation immer nur die eine Seite verwirkliche. Ein Blick auf die grossen Konzilien sowohl als auch auf die spätmittelalterlichen Ständeversammlungen in England, Frankreich, der iberischen Halbinsel und im römisch-deutschen Reich reizt hier zum Widerspruch: Ohne auf eine nähere Diskussion des Pitkinschen Repräsentationsbegriffs näher eingehen zu wollen, der sehr gut auf moderne Parlamentarier passt, aber nicht auf die komplexen Beziehungsverhältnisse in mittelalterlichen Repräsentationsvorstellungen, [2] lässt sich doch festhalten, dass sich spätmittelalterliche Politik nicht allein in ihrer Legitimation, sondern auch in ihrer konkreten Gestaltung ohne einen sehr kräftigen Schuss von Repräsentationsvorstellungen gar nicht begreifen lässt. Die deutsche Forschung spricht neuerdings mit Vorliebe nicht mehr von "feudaler," sondern von "konsensualer" Herrschaft, die sich in verschiedenartiger Repräsentation der Teilhaber an der königlichen Macht darstellt. Was Nederman im einzelnen stört, nämlich die Konstruktion der "spirituellen Repräsentation" im Rahmen der--freilich nicht ausnahmslos--geglaubten Unfehlbarkeit des Konzils, ist ein Sonderfall, der aber seinerseits die schlichte juristisch aus dem Korporationsgedanken folgende Repräsentation nicht ausschliesst, sondern zur Basis hat. [3] Wilhelm von Ockham wollte sich, entgegen seinem Mitexulanten am Münchener Hof Ludwig des Bayern Marsilius von Padua, nicht auf eine Unfehlbarkeit des Konzils, ob mit oder ohne päpstliche Beteiligung, einlassen und hat ein deutlich "repräsentatives" Verständnis von dessen Rolle. [4] Das liesse sich im einzelnen am Cusanus, an Gerson und Ailly und vielen anderen Autoren verdeutlichen.

Ähnlich wäre auch über die Theorie des Widerstands bei Henry de Bracton noch mit Nederman zu diskutieren, oder über die Wahrnehmung der Verfassung des römisch-deutschen Reichs bei Nikolaus von Kues, wie Nederman sie den Lesern präsentiert. Aber für solche Erörterungen ist in einer knappen Anzeige kein Raum: Nederman hat mit der Sammlung seiner 20 Aufsätze aus mehr als zwei Jahrzehnten ein nachdenkliches und zum Nachdenken anregendes Buch vorgelegt, das wohl für Studenten ein hartes Brot darstellt, für die Fachkollegen aber gewiss künftiger Diskussionen wert bleiben wird, auch wo man dem Autor nicht bedingungslos wird folgen wollen.

Die technische Ausstattung des Buches gibt dem Leser die nötigen Hilfen, sie ermöglicht durch ein (ausführliches) Literaturverzeichnis und einen (auswählenden) "Index" der behandelten Namen und wichtiger Sachen auch rasche Konsultation und selektive Lektüre. Die Zitate aus den Texten werden meist in einer übernommenen oder eigenen Übersetzung aus dem Lateinischen präsentiert und jedenfalls deutlich nachgewiesen. Dass das meist nicht auf die Originaltexte zielt, sondern auf englische Übersetzungen, behindert die Benutzung im nicht angelsächsischen Ausland, da dort Forschungsbibliotheken in aller Regel diese englischen Bücher nicht besitzen. Die wenigen lateinisch zitierten Worte und Satzteile sind durch Flüchtigkeitsfehler leider häufig verunstaltet (etwa pp. 85, 92, 94 f., 109, 112, etc.).

Es bleibt die Aufgabe, über die Einzelinterpretationen hinaus die politischen Theorien des Mittelalters nicht nur mit späteren oder anderen, etwa philosophischen Theorien zu "kontextualisieren," auch ihre Verbindungen zur realen Politik ihrer Zeit müssen näher ins Auge gefasst werden. Allein schon die Beiziehung der Rechtsgeschichte könnte ein erster Schritt in diese Richtung sein. Die Rücksicht auf realen politischen Streit, den die Theoretiker deuten oder schlichten wollten, könnte ein tieferes Verständnis öffnen. Diese Aufgabe hat sich Nederman in seinem Buch nicht gestellt, sie bleibt aber dringend.

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Notes:

1. H. Pitkin, The Concept of Representation, Berkeley-Los Angeles, 1967.

2. Dazu hätte N. differenziertere und breit abgesicherte Auskunft über nicht weniger als vier verschiedene mittelalterliche Repräsentationsvorstellungen finden können bei Hasso Hofmann, Repräsentation, Studien zur Wort- und Begriffsgeschichte von der Antike bis ins 19. Jahrhundert, Berlin: Duncker & Humblot, 1974 [(4)2003].

3. Dazu vgl. ausser der von Nederman zitierten Literatur (p. 99 f., Anm. 2 u. 4, p. 101, Anm. 12, p. 103, Anm. 14) für das Konzil jetzt etwa auch J. Miethke, "Formen der Repräsentation auf mittelalterlichen Konzilien," in Politische Versammlungen und ihre Rituale, Repräsentationsformen und Entscheidungsprozesse des Reichs und der Kirche im späten Mittelalter, hrsg. von Jörg Peltzer, Gerald Schwedler und Paul Töbelmann, Ostfildern: Jan Thorbecke Verlag, 2009, 21-35.

4. Vor allem dazu Hermann Josef Sieben, Die Konzilsidee des lateinischen Mittelalters (847-1378), Paderbonr-München (etc.): Ferdinand Schöningh, 1984, 410-469 (zu Ockham), 366-409 (zu Marsilius).